Europa braucht eine gemeinsame Strategie in der Pandemiebekämpfung

Was nützt es, wenn einzelne EU-Mitgliedsstaaten im Alleingang ihre nationale Corona-Situation lösen und je nach Erfolg temporär die Insel der Glückseligen auf der „Intensivstation Europa“ spielen können? Ganz Europa muss zum selben Zeitpunkt gesund werden. In dem Machtkampf zwischen China und USA brauchen wir ein durchgängig gesundes Europa. Einzelgänge sind für die deutsche Wirtschaft kontraproduktiv.

Jüngstes Beispiel ist Österreich, das mit einem harten Lockdown auf das aktuelle Infektionsgeschehen reagiert. Diesen Lockdown erleben wir als Privatpersonen emotional intensiver als beispielsweise die harten Maßnahmen qua nationalem Ausnahmezustand in Tschechien, die aber notwendige europäische Lieferketten für produzierende Unternehmen in Deutschland massiv beeinträchtigen.

Unstrittig ist, dass jede Art von Mobilität der größte Günstling des neuen Virus ist. Was für den kleinen privaten Lebensraum gilt, sollte dann aber auch für die touristische Mobilität gelten. Ausgerechnet an dieser Stelle beißt sich die Katze in den Schwanz, weil die Tourismusbranche einen wichtigen Beitrag an der europäischen Wirt-schaftsleistung darstellt. Der Anteil der Tourismusbranche am BIP in den einzelnen europäischen Ländern zeigt, wie hoch die Abhängigkeit sein kann und welche Risiken sich dahinter verstecken, um diese uneinheitliche Pandemiestrategie in Europa besser verstehen zu können.

Vor diesem Hintergrund kann man nachvollziehen, dass die Corona-Sommerstrategie unter günstigen klima-tischen Bedingungen mit ihren weitestgehenden Lockerungen geradezu notwendig gewesen war, um eine Fortführungswahrscheinlichkeit der Tourismusbranche zu ermöglichen. Allerdings war diese europäische Fremdenverkehrspolitik bar jeder epidemiologischen Vernunft. Völlig unverständlich ist die fatalistische Haltung, die ruhigen Sommermonate nicht hinreichend genutzt zu haben, um alle Bevölkerungsteile auf die zweite Welle ab Herbst in jeder Hinsicht mit den notwendigen Schutzmaßnahmen vorzubereiten.

Die Zeche liegt nun auf dem Tisch und muss bitter bezahlt werden. Nicht umsonst hat man von deutscher Seite mit Ausklingen der letzten Sommerferien sehr schnell versucht, touristisch wieder die Reissleine zu ziehen, indem man fast alle Reiseländer zu Risikogebieten erklärt hat. Parallel zu den rasant gestiegenen Infektionszahlen versuchen jetzt Länder wie Österreich den wichtigen Wintertourismus von ihrer Seite mit harten Maßnahmen doch einigermaßen möglich zu machen. Dieses Kalkül wird nicht aufgehen, weil Urlauberländer wie Deutschland mit seinen vergleichsweise milden Maßnahmen seine Infektionsrate soweit nicht im Griff haben wird, um in Österreich nicht wieder ein unkontrolliertes Infektionsgeschehen in Gang setzen zu können. Insofern wird der österreichische Alleingang aus fremdenpolitischer Sicht verpuffen. Für Unternehmen, die in Österreich Lieferketten aufgebaut haben und wichtige Absatzmärkte halten, wird sich damit der wirtschaftliche GAU in die Länge ziehen.

Wie eine Nussschale auf hoher See.

Für produzierende Unternehmen sind diese länderspezifischen separaten Ups und Downs in dem gesamteuropäischen Pandemieverlauf für die Zuverlässigkeit ihrer europäischen Zulieferstrukturen und Lieferketten beinahe tödlich. Ganz zu schweigen davon, dass der Export unkalkulierbaren Schwankungen ausgesetzt ist, weil keine Aussicht auf eine langfristige Stabilisierung der europäischen Märkte in Abhängigkeit von den Infektionsgeschehen in den einzelnen Ländern besteht. Je nach Lage entsteht ein unkontrollierbarer Nachfrage- oder Liefermangel, den sich deutsche Unternehmen nicht länger leisten können und sie in ihrer globalen Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig schwächen können. Nicht jedes mittelständische Unternehmen kann nolens volens in den asiatischen Raum auslagern. Zudem sind die Investitionsmöglichkeiten für viele mittelständische Unternehmen inzwischen geschwächt bis verschwunden. Ganz zu schweigen von den besonderen Reglements und Auflagen in China. Im eigenen Interesse sollte alles unternommen werden, dass der größte Binnenmarkt der Welt den deutschen und europäischen Unternehmen erhalten bleibt.

Corona zwingt Europa zu einem flächendeckenden Handeln.

Europa zeigt sich in einer gemeinsamen Pandemiebekämpfung einmal mehr von seiner Schattenseite und führt drastisch vor Augen, wie wenig Einigkeit in diesem Staatenbund möglich ist. Selbst in dieser existentiell bedrohenden Krise kann keine gemeinsame Linie für ein einheitliche Vorgehensweise gefunden werden, die dringend notwendig wäre, um sich in dem globalen Kräftemessen mit allen Mitteln erfolgreich behaupten zu können. Stattdessen erdreisten sich einzelne Mitgliedsstaaten, mit Erpressungen aufwarten zu wollen.

Während wir noch Grundsatzdiskussionen über die vollständige Wahrung unserer Freiheitsrechte führen, dabei unvernünftige Kompromisse zugunsten „systemrelevanter Infektionsherde“ schließen, , ist der asiatische Wirtschaftsraum längst an uns vorbeigezogen. Nationale Interessen müssen zugunsten einer einheitlichen und gleichzeitigen Gesundung des gesamten europäischen Lebens- und Wirtschaftsraumes in die zweite Reihe gestellt werden. Maßnahmen müssen sowohl inhaltlich als auch zeitlich koordiniert und harmonisiert werden. Sozio-kulturelle Unterschiede und länderspezifische Lebensgewohnheiten können für die Einhaltung gleichgeschalteter Maßnahmen angeglichen werden. Europa muss als Lebens- und Wirtschaftsraum gemeinsam gesund werden und sich als starkes Gegengewicht zu den aktuellen Machtproben zwischen China und den USA aufstellen. Es macht wenig Sinn, wenn das Virus an jeder Ecke in Europa immer wieder zündeln kann. So hart es klingen mag, aber zugunsten einer effektiven Pandemiebekämpfung hier in Europa und damit auch in Deutschland sollte die Fortführungswahrscheinlichkeit der Tourismusbranche ernsthaft auf den Prüfstand gestellt werden und dafür rechtzeitig nach Alternativen einer möglichen Transformation dieses Wirtschaftszweiges think tank durchdacht werden. Aktuell sieht es so oder so auch aus ökologischen Gründen danach aus, als ob diese Branche sich selbst bereinigen müsste.

 

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