„Die Angst ist da.“ – Psychischer Unternehmerstress zu Coronazeiten

Sprechen wir bald von einem Unternehmer-Burnout?

Kaum einer Gruppe wird zu Coronazeiten so wenig menschliche Beachtung geschenkt wie der Unternehmerschaft. Dabei können die psychischen Belastungen durch die anhaltende Krise und deren Auswirkungen Unternehmer und Unternehmerin an die Grenzen ihrer Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit bringen. In einem Gespräch berichtete mir ein Unternehmer Folgendes: „Ich erlebe Blackouts, die mich handlungsunfähig machen. Ich habe meinen roten Leitfaden verloren.“ Dazu kommt seine Befürchtung, die falschen Entscheidungen zu treffen mit dem Ergebnis, dass er die anhaltende Krise schlicht und ergreifend aussitzt. Groß sei seine Verunsicherung als Unternehmer. „Ich empfinde in der Krise eine hohe Abhängigkeit von allen möglichen Rahmenbedingungen, die mich als Arbeitgeber von 220 Leuten in eine passive Rolle drängt.“ Eine Unternehmerin berichtete mir, dass sie dem Druck mit einer erhöhten Reizbarkeit begegnet, die sie auf ihre Schlafprobleme zurückführt, weil sie Sorge um Ihre Belegschaft habe, ihnen als Arbeitgeberin aber mit Blick in eine ungewisse Zukunft keine Sicherheit bieten kann. Sie sagt: „Auch Kurzarbeit kann diese Unsicherheit nicht lösen, weil wir nicht wissen, wie sich alles nach Corona entwickeln wird.“ Dieses größere mittelständische Unternehmen ist in einer Branche angesiedelt, der man unter normalen Umständen sehr gute Zukunftsaussichten bescheinigen würde. 

Die Erwartungshaltung an Unternehmer und Unternehmerinnen sind in jeder Hinsicht sehr hoch. Viele bemühen sich, das Bild eines souveränen Entrepreneurs aufrecht zu erhalten. Die wenigsten akzeptieren, dass sie als Mensch ganz normal auf diese Krise und auf den damit verbundenen Stress mit all seinen Begleiterscheinungen reagieren. Symptome wie Schlafprobleme, Reizbarkeit, Angstzustände und innere Blockaden werden als persönliche Schwäche angesehen, die man nicht zugeben darf. „Im Gegensatz zu anderen dürfen wir Krise nicht als eine persönliche Herausforderung ansehen, wir sind doch die Hoffnungsträger, für uns muss alles normal sein. Als ob wir Menschen einer Extra-Klasse wären“, so eine weitere Aussage.

Rat- und Hilflosigkeit, Desorientierung und fehlende Entscheidungs- und Handlungsfreudigkeit sind klassische Symptome eines möglichen Burnouts. Körper, Geist und Seele fangen an zu rebellieren, was zu einer persönlichen Destabilisierung der eigenen Person und zu Verzerrungen der Selbstwahrnehmung führt. Dagegen steht der ständige Erwartungsdruck, der es betroffenen Unternehmern und Unternehmerinnen nicht leicht macht, sich externe Hilfe zu suchen, die sie verständlicherweise nicht in einer klassischen Therapie suchen, weil sie sich bis zu einem Zeitpunkt der inneren Überforderung mit sich und ihrer Umgebung „okay“ fühlten. Tatsächlich baut sich aufgrund einer mangelnden Selbst- und Fremdtoleranz ein regelrechter Stressstrudel auf, der zunächst aufgrund einer Überreaktion der relevanten Stresshormone zu einem Ungleichgewicht und infolgedessen zu einer psychischen Selbstentfremdung und persönlichen Handlungsunfähigkeit führen kann. Die größte Herausforderung für die menschliche Psyche ist Angst, vor allem dann, wenn sie unbewusst abläuft. Angst kann ein regelrechtes Feuerwerk an Stresshormonen auslösen, das in einem völligen Missverhältnis zu der aktuellen Situation steht, deswegen aber selbst gefestigte Persönlichkeiten zu einer irrationalen Einschätzung ihrer Situation bringen können. In meiner praktischen Arbeit achte ich genau darauf, wann ich das Thema Angst ansprechen kann, um meinen Gesprächspartnern die Chance zu geben, über Angst als einen wichtigen Stressfaktor direkt oder indirekt nachdenken zu können, ohne dabei die Sachebene zu verlassen. Der Erfolg gibt mir recht, weil ich die Erleichterung auf der Gegenseite spüre und beobachte, wie sich wieder eine sachliche Denk- und Handlungslogik einstellt.  

Zunehmend beschäftigt mich die Frage, welche wirtschaftlichen Kollateralschäden diese möglichen gesundheitlichen Ausfallzeiten von Unternehmern und Unternehmerinnen auslösen könnten. Wenn sich die Unternehmerschaft psychisch zunehmend nicht mehr in der Lage sieht, diesem enormen Krisendruck Stand zu halten, dann sind reihenweise Exits bzw. Geschäftsaufgaben zu befürchten, was an unsere wirtschaftliche Substanz – der deutsche Mittelstand ist das Rückgrat unseres wirtschaftlichen Erfolgs – kräftig nagen würde. 

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